Stoggam

Es gibt Bands, die veröffentlichen jedes Jahr ein neues Album. Andere verschwinden fünf oder sechs Jahre im Studio und melden sich irgendwann mit den Worten zurück: „Sorry, hat etwas länger gedauert.“

Und dann gibt es Stoggam.

Diese Herren haben beschlossen, dass man ein Debütalbum auch einfach 49 Jahre nach der Bandgründung veröffentlichen kann. Ich bin mir ziemlich sicher, dass selbst Peter Gabriel in dieser Zeit mehrfach gedacht hat: „Vielleicht sollten wir Genesis doch noch einmal reformieren.“ Ganz ehrlich – als ich diese Geschichte gelesen habe, musste ich erst einmal nachschauen, ob das kein Tippfehler war.

Von Maggots zu Stoggam

1977 gründeten Peter Fallowell und seine Mitstreiter eine Band mit dem wunderbaren Namen Maggots. Mitten in der Punk-Explosion, als drei Akkorde völlig ausreichten und ein Mellotron vermutlich als gefährlicher Luxus galt. Doch wie bei so vielen jungen Bands kam das Leben dazwischen. Das Projekt verlief sich, ohne jemals offiziell beendet zu werden. Es gab keinen großen Knall, keine öffentlichen Streitereien und keine Gitarren, die auf der Bühne zertrümmert wurden. Man blieb einfach lose miteinander verbunden.

Fast ein halbes Jahrhundert später passierte dann etwas, womit vermutlich niemand mehr gerechnet hatte. Peter Fallowell arbeitete 2022 an einem neuen Song mit dem Titel Feel Life. Während des Schreibens kam ihm der Gedanke, die alten Weggefährten noch einmal anzurufen. Aus einer Idee wurde eine Aufnahme. Aus einer Aufnahme entstand ein Album.

Und weil inzwischen bereits eine andere Band den Namen Maggots verwendete, musste ein neuer Name her. Die Lösung hätte britischer kaum sein können: Man drehte den alten Bandnamen einfach um.

Maggots wurde rückwärts gelesen zu Stoggam. Ganz ehrlich – ich musste schmunzeln. Manchmal entstehen die besten Ideen eben nicht in Marketingabteilungen, sondern mit einem Augenzwinkern.

Mehr als nur Nostalgie

Die eigentliche Überraschung beginnt allerdings erst, wenn die Musik startet. Ich hatte ehrlich gesagt erwartet, ein nostalgisches Album zu hören. Eines dieser Werke, die mehr von Erinnerungen leben als von frischen Ideen. Doch genau das passiert hier nicht.

Expecting Different Results klingt erstaunlich lebendig. Nicht wie eine Gruppe Musiker, die nach Jahrzehnten noch einmal gemeinsam etwas aufnehmen wollte, sondern wie eine Band, die gerade erst entdeckt hat, wie viel Spaß ihr das gemeinsame Musizieren macht.

Natürlich hört man die musikalischen Wurzeln. Genesis, Yes oder King Crimson schweben immer wieder durch die Songs, ohne sich in den Vordergrund zu drängen. Spannender finde ich allerdings die Canterbury-Seite des Albums. Immer wieder fühlte ich mich an Caravan, Gong oder Hatfield And The North erinnert. Diese entspannte Eleganz, diese verspielten Arrangements und dieses angenehme Gefühl, dass die Musik nie beweisen muss, wie kompliziert sie sein kann.

Progressive Rock ohne Eitelkeiten

Genau das macht dieses Album so sympathisch. Es protzt nicht. Es rennt nicht jedem modernen Trend hinterher. Und es versucht schon gar nicht, auf Teufel komm raus möglichst progressiv zu klingen. Stattdessen schreiben vier Musiker einfach gute Songs. Solche, die Platz zum Atmen haben. Die sich entwickeln dürfen. Die kleine Details verstecken, welche man oft erst beim dritten oder vierten Durchlauf entdeckt. Dieses Album gehört eindeutig zu den Kandidaten, die mit jedem Hören ein Stückchen besser werden. Nicht, weil man sie verstehen muss, sondern weil sie einem immer wieder neue kleine Überraschungen schenken.

Songs, die wachsen dürfen

Der Opener Feel Life macht sofort klar, dass hier niemand in musikalischer Rente angekommen ist. Druckvolle Gitarren, eine schöne Dynamik und eine Melodie, die erstaunlich schnell im Kopf bleibt, eröffnen das Album mit genau der richtigen Portion Energie.

Je weiter das Album voranschreitet, desto stärker wächst es allerdings über sich hinaus. Besonders We Carry On, In The Nick Of Time und das wunderschöne Wonderful haben mich immer wieder zurückkehren lassen. Vor allem das Finale von Wonderful besitzt eine Größe und Wärme, die lange nachhallt.

Den Schlusspunkt setzt schließlich das mehr als fünfzehn Minuten lange How Do You Put Up With This? / What Can They Say?. Solche Titel bekommt vermutlich auch nur eine Band hin, die fast fünfzig Jahre Zeit hatte, darüber nachzudenken.

Das Stück selbst ist genau das, was ich mir von einem langen Progressive-Rock-Epos wünsche. Tempowechsel, unterschiedliche Taktarten und viele kleine Ideen greifen ineinander, ohne jemals wie Selbstzweck zu wirken. Die Musik bleibt jederzeit nachvollziehbar und verliert nie ihren roten Faden. Genau darin liegt für mich die eigentliche Stärke von Stoggam. Sie spielen komplex, ohne kompliziert wirken zu wollen.

Auch produktionstechnisch gibt es wenig zu beanstanden. Dass das Album über mehrere Jahre hinweg in verschiedenen Heimstudios in Frankreich und Großbritannien entstanden ist, hört man ihm überhaupt nicht an. Im Gegenteil. Alles klingt angenehm warm, offen und erstaunlich organisch. Das Mastering von John Webber in den legendären Air Studios verleiht dem Ganzen zusätzlich eine Qualität, die hervorragend zu dieser Musik passt.

Say Hello to Stoggam’s guitarist John Duffy

Warum sich das Warten gelohnt hat

Am Ende bleibt für mich aber etwas ganz anderes hängen als einzelne Songs oder technische Details.

Es ist diese wunderbare Geschichte.

Vier Musiker verlieren sich nie ganz aus den Augen. Jahrzehnte vergehen. Familien entstehen. Berufe verändern sich. Länder wechseln. Und irgendwann steht plötzlich doch dieses erste gemeinsame Album im Regal.

Vielleicht musste Expecting Different Results tatsächlich 49 Jahre reifen.

Vielleicht brauchte genau diese Musik genau diesen Lebensweg.

Was auch immer der Grund gewesen sein mag – das Warten hat sich gelohnt.

Und falls die Herren diese Zeilen lesen sollten, hätte ich noch eine kleine Bitte: Beim nächsten Album müsst ihr euch nicht ganz so viel Zeit lassen. Ich bin inzwischen in einem Alter angekommen, in dem ich ungern 2075 auf die nächste Rezension warten möchte.


Trackliste

  1. Feel Life (Single)
  2. Last Night
  3. We Carry On
  4. In The Nick Of Time
  5. Wonderful
  6. A Last Goodbye
  7. How Do You Put Up With This? / What Can They Say?


Album: Expecting Different Results
Veröffentlichung: 22. Mai 2026
Genre: Progressive Rock / Canterbury / Melodic Progressive Rock
Label: Independent
Land: Großbritannien / Frankreich


Besetzung und Produktion

Peter Fallowell – Komposition, Lead-Gesang, Schlagzeug, Percussion, Rhythmusgitarren, MPhonic Orchestra

John Duffy – Solo- und Rhythmusgitarren, Gesang

Martin Lawrie – Keyboards, Gesang

Dave Harding – Bass, Gesang

Aufgenommen zwischen 2022 und 2025 in Heimstudios in Großbritannien und Frankreich.

Mastering: John Webber (Air Studios, London)


Anspieltipps

🎧 Feel Life

🎧 Wonderful

🎧 How Do You Put Up With This? / What Can They Say?


Links

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🎵 Bandcamp
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💿 Album auf Bandcamp
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🎧 Single – Feel Life
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Text: André Fedorow
Founder & Editor-in-Chief – Sound of Prog Magazine & Radio