Es gibt Alben, die versuchen, den Hörer mit technischer Virtuosität zu beeindrucken. Und es gibt Alben, die einen einfach mit auf eine Reise nehmen. Das Schöne ist: Long Earth schaffen auf „Towards the Sky“ beides.
Die schottischen Progressive-Rocker veröffentlichen am 27. Juni 2026 ihr mittlerweile viertes Studioalbum Towards the Sky über Bakeneko. Dabei bleibt die Band ihren progressiven Wurzeln treu, erweitert ihren Sound gleichzeitig um neue Facetten und schafft es erneut, anspruchsvolle Arrangements mit großer Eingängigkeit zu verbinden.
Gegründet wurde Long Earth 2016 rund um Keyboarder und Bandgründer Mike Baxter. Gemeinsam mit Gitarrist Renaldo McKim, Bassist David McLachlan, Drummer Kenny McCabe und der neuen Sängerin Maaike Siegerist präsentiert sich die Band heute stärker und vielseitiger denn je.
Wer nun befürchtet, Towards the Sky sei einfach nur ein entspanntes Rockalbum mit ein paar Synthesizern im Hintergrund, darf beruhigt aufatmen. Ganz im Gegenteil. Long Earth lieben die kleinen und großen Überraschungen, die Progressive Rock seit Jahrzehnten ausmachen. Immer wieder tauchen unerwartete Wendungen, interessante Rhythmuswechsel, atmosphärische Brüche oder elegante musikalische Umwege auf – oftmals genau in dem Moment, in dem man sie nicht kommen sieht. Und genau diese Momente sorgen dafür, dass das Album auch nach mehreren Durchläufen immer wieder Neues offenbart.
Die neue Stimme von Maaike Siegerist verleiht dem Klangbild dabei eine zusätzliche, fast schwebende Dimension. Zusammen mit den charakteristischen Keyboards und den atmosphärischen Gitarren entsteht ein Sound, der bewusst nicht auf übertriebene Härte oder technisches Muskelspiel setzt, sondern auf Stimmung, Dynamik und ein stimmiges Gesamtkonzept.
Thematisch blickt das Album buchstäblich in den Himmel. Die neun Stücke sind inspiriert von Astronomie, Raumfahrt und dem menschlichen Drang, immer wieder über die eigenen Grenzen hinauszuwachsen.
Da wäre etwa „The Astronomer“, das dem großen Galileo Galilei gewidmet ist, jenem Mann, der unseren Blick auf das Universum für immer verändert hat. In „Moon and Mars“ begleiten wir die neue Generation privater Raumfahrtpioniere, während „Breathless“, die erste Single des Albums, den berühmten „Overview Effect“ thematisiert – jenes überwältigende Gefühl, die Erde aus dem All zu betrachten und ihre Schönheit und Zerbrechlichkeit auf eine völlig neue Weise zu begreifen.
Doch Towards the Sky bleibt nicht ausschließlich zwischen Sternen und Galaxien. „Seahorses“ feiert Individualität und ermutigt Menschen, einfach sie selbst zu sein. „Artificial Child“ betrachtet die Chancen und Risiken künstlicher Intelligenz aus der Perspektive eines Wissenschaftlers. „Monochrome“ gibt der bedrohten Natur eine Stimme, und „First Casualty“ widmet sich den Journalisten, die in Kriegsgebieten ihr Leben verloren haben. Selbst die Liebe bekommt mit „Colours“ ihren Platz – selbstverständlich mit einer ordentlichen Portion Prog.
Was Towards the Sky letztlich so gelungen macht, ist die Balance. Das Album ist melodisch, zugänglich und angenehm zu hören, ohne jemals banal zu werden. Die Songs nehmen sich Zeit, entwickeln sich organisch und überraschen immer wieder mit spannenden Ideen und Details. Es ist eine Platte, die man nicht einfach nebenbei konsumiert. Sie lädt dazu ein, sich bewusst hinzusetzen, zuzuhören und den musikalischen Gedanken von Long Earth zu folgen.
Und ganz ehrlich – wir Prog-Fans wissen doch alle, dass genau diese Alben oft die schönsten sind. Diejenigen, die beim ersten Hören gefallen, beim zweiten Hören überraschen und beim dritten Hören plötzlich noch drei Dinge preisgeben, die man vorher gar nicht bemerkt hat.
Mit Towards the Sky liefern Long Earth ihr bislang vielleicht rundestes und geschlossenstes Werk ab. Ein Album voller Atmosphäre, Menschlichkeit und musikalischer Entdeckungen – und eines, das beweist, dass man für eine große Reise manchmal nur ein gutes Paar Kopfhörer und ein wenig Zeit braucht.
Und wer weiß? Vielleicht blickt man nach diesen gut 66 Minuten selbst ein wenig häufiger nach oben in den Nachthimmel.
Übrigens: Wer schon vorab in die Klangwelten von Towards the Sky eintauchen möchte, bekommt dazu am 27. Juni 2026 um 20:00 Uhr (CET) die Gelegenheit. In der neuen Sound of Prog-Sendung „Stranger in a Strange Land“ werden zwei Titel des Albums ausführlich vorgestellt. Einschalten könnt ihr unter www.soundofprog.com/listen. Schließlich ist eine Reise zu den Sternen immer schöner, wenn man sie gemeinsam unternimmt.
Trackliste
- Seahorses – 7:43
- Breathless – 6:38
- Artificial Child – 5:28
- Wanderlust – 5:20
- Colours – 8:18
- Monochrome – 6:11
- First Casualty – 9:41
- Moon and Mars – 5:54
- The Astronomer – 11:20
Gesamtspielzeit: 66:38 Minuten
Long Earth
- Mike Baxter – Keyboards
- Kenny McCabe – Drums, Backing Vocals
- Renaldo McKim – Guitars, Backing Vocals
- David McLachlan – Bass
- Maaike Siegerist – Lead Vocals, Backing Vocals
Veröffentlichung
Album: Towards the Sky
Band: Long Earth
Label: Bakeneko
Release: 27. Juni 2026
Pre-Order & Bandcamp:
https://longearth.bandcamp.com
Video-Premiere der ersten Single „Breathless“:
https://youtu.be/Era9BKcuec8
Von André Fedorow
Gründer & Chefredakteur | Sound of Prog
