Der Schokofrosch ist zurück. Und wie es sich für cHoclat FRoG gehört, bringt er keinen handelsüblichen Süßkram mit, sondern schokoladischen Genuss für die Ohren – etwas schräg, gelegentlich kantig und garantiert ohne künstliche Geschmacksverstärker für die breite Masse.
Wir kennen Rainer und Tim Ludwig inzwischen recht gut. Ihre beiden bisherigen Alben Snapshot und On Detour to Shortcut haben wir bereits ausführlich besprochen. Damals zeichnete sich schon deutlich ab, dass cHoclat FRoG niemals zu jenen Bands gehören würden, die ihre Musik auf möglichst große Gefälligkeit trimmen. Die beiden machen Progressive Rock nicht, um Erwartungen zu erfüllen, sondern um ihrer Kreativität möglichst wenig Grenzen zu setzen. Das war schon immer eigenwillig, manchmal roh, gelegentlich sperrig, aber eben auch erfreulich ehrlich.
Mit What’s Next? erscheint nun das dritte Album des deutschen Studio-Duos. Und wer die Entwicklung der Band verfolgt hat, wird bereits nach kurzer Zeit feststellen, dass sich etwas verändert hat. Nicht die Haltung – die ist erfreulicherweise genauso unangepasst geblieben wie zuvor. Verändert hat sich vielmehr die Art, wie Rainer und Tim ihre Ideen heute umsetzen.
Vom wilden Schokofrosch zum ausgewachsenen Exemplar
Das erste Album besaß noch eine spürbare Rohheit. Viele Ideen wirkten, als müssten sie unbedingt sofort aufgenommen werden, bevor sie wieder aus dem Raum entkommen. Das hatte Charme, war ungestüm und manchmal herrlich unberechenbar. Auf dem zweiten Album klang bereits vieles reifer, strukturierter und bewusster arrangiert. Mit Album Nummer drei sind cHoclat FRoG nun endgültig erwachsen geworden.
Das bedeutet natürlich nicht, dass der Schokofrosch plötzlich einen Anzug trägt, pünktlich seine Steuererklärung abgibt und nur noch gefällige Drei-Minuten-Songs komponiert. So weit ist es zum Glück nicht gekommen. Die Musik ist weiterhin schräg, verspielt, groovig, schwer, sanft und manchmal alles gleichzeitig. Der Unterschied liegt darin, dass die beiden Musiker inzwischen genau wissen, wann sie welche Idee einsetzen müssen.
Früher sprang die musikalische Unberechenbarkeit gelegentlich unvermittelt aus dem Gebüsch. Heute sitzt sie scheinbar entspannt in einem britischen Ohrensessel, nippt an einer Tasse Tee und wartet geduldig auf den perfekten Moment, um dem Hörer wieder den Boden unter den Füßen wegzuziehen.
Genau darin liegt die große Stärke von What’s Next?. Die Musik wirkt fokussierter, ohne dabei gezähmt zu sein. Die vielen stilistischen Wendungen erscheinen nicht mehr wie einzelne Einfälle, die nebeneinanderstehen, sondern greifen sehr viel natürlicher ineinander. Das Album klingt geschlossen und ausgereift, behält aber trotzdem jene Ecken und Kanten, wegen derer man cHoclat FRoG überhaupt hört.
Eine musikalische Identität ohne Gebrauchsanweisung
Die Band selbst beschreibt ihre Musik als „gently, mad, heavy, strange, oblique, groovy and above all RiO-avant“. Das klingt zunächst ein wenig so, als hätte jemand sämtliche verfügbaren Adjektive in eine Schale geworfen und kräftig umgerührt. Beim Hören stellt man jedoch schnell fest, dass die Beschreibung erstaunlich genau trifft, was auf diesem Album passiert.
cHoclat FRoG bewegen sich zwischen Progressive Rock, Avant-Prog und Rock in Opposition, ohne dabei den Eindruck zu erwecken, ein bestimmtes Genre unbedingt erfüllen zu müssen. Ruhige und beinahe atmosphärische Momente wechseln mit kantigen Harmonien, schweren Grooves, ungewöhnlichen Rhythmen und kleinen akustischen Überraschungen. Nichts bleibt lange dort, wo man es gerade vermutet. Dennoch entsteht nie der Eindruck, dass Komplexität zum Selbstzweck eingesetzt wird.
Rainer und Tim könnten ihre musikalischen Fähigkeiten deutlich demonstrativer in den Vordergrund stellen. Stattdessen dienen Technik und Virtuosität stets dem jeweiligen Stück. Das ist ein wichtiger Unterschied, denn bei aller Verrücktheit bleibt das Album erstaunlich zugänglich. Nicht im Sinne von leichter Hintergrundmusik – dafür passiert eindeutig zu viel –, sondern weil man spürt, dass hinter den vielen Wendungen echte Spielfreude steckt.
Man hört zwei Musiker, die sich längst davon verabschiedet haben, irgendjemandem etwas beweisen zu müssen. Sie wissen, was sie tun. Selbst in jenen Momenten, in denen der Hörer für einige Sekunden möglicherweise berechtigte Zweifel daran entwickelt.
Verstärkung im Froschteich
Diesmal haben sich cHoclat FRoG auch gezielt Verstärkung geholt. Dabei geht es erfreulicherweise nicht darum, möglichst viele Namen in die Credits zu schreiben oder dem Album künstlich mehr Bedeutung zu verleihen. Die Gäste tauchen dort auf, wo ihre Stimmen tatsächlich etwas zum Charakter der jeweiligen Stücke beitragen.
Bei Dangerous Ignorance sind eine unbekannte weibliche Stimme sowie zusätzliche Vocals von Floyd Anthony zu hören. Auf The Poet sorgen Monica Ludwig und erneut Floyd Anthony mit zusätzlichen Sprach- und Gesangspassagen für eine beinahe theatralische Atmosphäre. Mira Ludwig ist auf Joe Umpf mit einer weiteren Stimme vertreten.
Die Gastbeiträge drängen sich nicht in den Vordergrund, sondern fügen sich selbstverständlich in den musikalischen Kosmos ein. Genau so sollten Gäste eingesetzt werden: nicht als dekoratives Namensschild an der Studiotür, sondern als Erweiterung der Musik.
Auch bei der Instrumentierung bleibt die Band ihrem eigenwilligen Ansatz treu. Tim Ludwig spielt Bass, Gitarre und Keyboards, übernimmt Programmierungen und steuert im fünften Stück zudem die Bot-Stimme bei. Rainer Ludwig ist für Gesang, Schlagzeug, Percussion, Keyboards, Programmierungen, Kazoo und Maultrommel verantwortlich.
Ja, Kazoo und Maultrommel. Wobei man fairerweise sagen muss, dass man sich auf einem Album von cHoclat FRoG spätestens nach dem dritten Stück ohnehin über kaum noch etwas wundert.
Für die Aufnahmen von Eau (O) stellte Peter Latsch außerdem seinen Rickenbacker-Bass zur Verfügung. Solche kleinen Details mögen zunächst nebensächlich wirken, zeigen aber, wie bewusst Rainer und Tim mit Klangfarben arbeiten. Die Instrumente sind nicht bloß Werkzeuge, sondern tragen ihren eigenen Charakter zur Musik bei.
Zwei Jahre im eigenen Kosmos
Produziert wurde What’s Next? zwischen November 2023 und Februar 2026. Sämtliche Songs wurden in den Homerun Studios aufgenommen, bearbeitet und gemastert. Rainer Ludwig übernahm das Mastering, Tim Ludwig zeichnete für Cover und Artwork verantwortlich. Als DAW kam Studio One zum Einsatz.
Kompositionen und Arrangements stammen gemeinsam von cHoclat FRoG, die Texte wurden von Rainer und Tim geschrieben. Damit bleibt nahezu die gesamte Produktion in den Händen des Duos. Das passt zu einer Band, die ihre künstlerische Freiheit nicht nur besingt, sondern auch ganz praktisch lebt.
Mehr als zwei Jahre Produktionszeit mögen in einer Welt, in der manche Veröffentlichungen bereits nach wenigen Wochen wieder vom nächsten digitalen Inhalt verschluckt werden, beinahe altmodisch wirken. Aber gute Musik braucht manchmal eben Zeit. Spotify-Algorithmen sehen das möglicherweise anders, doch bislang wurde noch kein Algorithmus dabei beobachtet, wie er mit einer Maultrommel einen überzeugenden Avant-Prog-Groove einspielt.
Das Album als Ganzes
Über einzelne Höhepunkte zu sprechen, fällt bei What’s Next? ungewöhnlich schwer. Nicht, weil es keine gäbe, sondern weil sich das Album nur ungern in einzelne Bestandteile zerlegen lässt. Das kurze Reroot öffnet die Tür, bevor der Titelsong tiefer in die musikalische Welt des Albums führt. Danach entwickelt sich eine Reise durch sehr unterschiedliche Stimmungen, die dennoch einen erkennbaren Zusammenhang besitzen.
Jeder Titel bringt einen eigenen Charakter mit. Dangerous Ignorance wirkt anders als Cruel Ballad, The Poet anders als Joe Umpf, und dennoch klingen alle Stücke eindeutig nach cHoclat FRoG. Genau das ist vermutlich eines der deutlichsten Zeichen dafür, dass die Band ihre eigene Sprache inzwischen vollständig gefunden hat.
Auch nach mehreren Durchläufen lassen sich neue kleine Details entdecken: rhythmische Verschiebungen, ungewöhnliche Klangfarben, kurze melodische Ideen oder Nebenwege, die beim ersten Hören vielleicht noch unbemerkt bleiben. What’s Next? ist deshalb kein Album für den schnellen Konsum zwischen zwei Benachrichtigungen. Es möchte gehört werden. Am besten vollständig und in der vorgesehenen Reihenfolge.
Wer nach dreißig Sekunden nervös zum nächsten Titel springt, weil noch kein Refrain aufgetaucht ist, sollte etwas Geduld mitbringen. Der Refrain könnte gerade mit dem Kazoo verhandeln und später wiederkommen.
Trackliste
- Reroot – 02:18
- What’s Next? – 07:22
- Dangerous Ignorance – 05:52
- Cruel Ballad – 07:24
- Stampin’ and Toilin’ – 07:14
- The Poet – 05:55
- Joe Umpf – 07:05
- Eau (O) – 06:11
Fazit
cHoclat FRoG waren schon immer eine eigenwillige Band. Sie wollten nie besonders schön für die breite Masse klingen, sondern ließen ihrer Kreativität freien Lauf. Genau das ist auch auf What’s Next? geblieben. Der große Unterschied besteht darin, dass Rainer und Tim ihre musikalische Sprache heute sehr viel souveräner beherrschen.
Die Rohheit des ersten Albums ist weitgehend verschwunden. Das zweite Werk zeigte bereits eine deutliche Reifung. Mit Album Nummer drei wirken cHoclat FRoG nun endgültig angekommen – nicht in irgendeiner Szene, Schublade oder Vermarktungsstrategie, sondern bei sich selbst.
Die Musik ist weiterhin schräg, überraschend und manchmal herrlich unbequem. Sie klingt jedoch nie orientierungslos. Jeder Bruch, jeder ungewöhnliche Rhythmus und jede verrückte Klangfarbe scheint heute bewusster gesetzt. Dadurch wirkt What’s Next? wie das bislang geschlossenste und ausgereifteste Album des Duos.
Was uns daran besonders gefällt, ist die Konsequenz. Rainer und Tim sind sich treu geblieben, ohne stehenzubleiben. Das ist ein feiner, aber wichtiger Unterschied. Sie haben ihren Stil nicht geglättet, sondern verfeinert. Sie sind nicht weniger eigenwillig geworden, sondern besser darin, diese Eigenwilligkeit musikalisch auf den Punkt zu bringen.
Wir begleiten cHoclat FRoG inzwischen seit mehreren Veröffentlichungen. Gerade deshalb freut es uns, diese Entwicklung beobachten zu können. What’s Next? ist kein Album, das versucht, allen zu gefallen. Es ist ein Album für Hörer, die Progressive Rock noch als Abenteuer verstehen und bereit sind, sich auf etwas einzulassen, das nicht nach wenigen Sekunden vollständig erklärt ist.
Der Schokofrosch ist erwachsen geworden. Zahm ist er deshalb noch lange nicht.
Bleibt eigentlich nur noch die Frage des Albumtitels: What’s next?
Wir sind gespannt. Und nach diesem Album ausgesprochen neugierig.
Veröffentlichung
Künstler: cHoclat FRoG
Album: What’s Next?
Veröffentlichung: 17. Juli 2026
Genre: Progressive Rock, Avant-Prog, Rock in Opposition
Besetzung und Produktion
Tim Ludwig: Bass, Gitarre, Keyboards, Programmierung und Bot-Stimme auf Track 5
Rainer Ludwig: Gesang, Schlagzeug, Percussion, Keyboards, Programmierung, Kazoo und Maultrommel
Kompositionen und Arrangements: cHoclat FRoG
Texte: Rainer und Tim Ludwig
Aufnahme, Engineering und Mastering: Homerun Studios
Mastering: Rainer Ludwig
Cover und Artwork: Tim Ludwig
Produktionszeitraum: November 2023 bis Februar 2026
Verwendete DAW: Studio One
Gäste
- Dangerous Ignorance: zusätzliche Stimme einer unbekannten Frau und zusätzlicher Gesang von Floyd Anthony
- The Poet: zusätzliche Stimme und zusätzlicher Gesang von Monica Ludwig und Floyd Anthony
- Joe Umpf: zusätzliche Stimme von Mira Ludwig
Besonderer Dank geht an Peter Latsch, der Tim Ludwig für die Aufnahmen von Eau (O) seinen Rickenbacker-Bass zur Verfügung stellte.
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Unsere bisherigen Reviews über cHoclat FRoG
Wir begleiten Rainer und Tim Ludwig bereits seit mehreren Jahren. Wer den bisherigen Weg des Duos und die Entwicklung bis zu What’s Next? nachvollziehen möchte, findet hier unsere früheren Besprechungen.
cHoclat FRoG – On Detour to Shortcut
Review bei Sound of Prog von André Fedorow
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cHoclat FRoG – Snapshot – Zwischen Nietzsche und Primus
Review bei Betreutes Proggen von André Fedorow
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Text: André Fedorow
Founder & Editor-in-Chief – Sound of Prog Magazine & Radio




