Warum man diesem Fluss einfach folgen sollte
Bei einem Album namens Trading River Songs könnte man zunächst vermuten, Brendan Perkins habe beschlossen, dem britischen Gewässernetz endlich den Progressive-Rock-Soundtrack zu spendieren.
Zum Glück steckt deutlich mehr dahinter.
Denn Flüsse spielen auf diesem Album zwar eine zentrale Rolle – allerdings eher als Erzähler denn als Landschaft. Sie tragen Erinnerungen, verbinden Orte und begleiten Menschen durch verschiedene Lebensabschnitte. Eine schöne Idee. Und, ehrlich gesagt, eine wohltuende Abwechslung zu den üblichen Konzeptalben über Zeitreisen, außerirdische Zivilisationen oder den Weltuntergang an einem Dienstag.
Brendan Perkins gehört zu jener angenehm seltenen Sorte Musiker, die nicht den Eindruck vermitteln möchten, ständig beweisen zu müssen, wie virtuos sie sind. Dabei hätte er durchaus allen Grund dazu. Der britische Multiinstrumentalist bringt jahrzehntelange Erfahrung als Musiker, Komponist und Toningenieur mit und hat für Trading River Songs nahezu sämtliche Instrumente selbst eingespielt, eingesungen, aufgenommen, produziert, gemischt und gemastert. Lediglich Helen Flunder steuert auf Binbrook Skyline die Backing Vocals bei.
Das Bemerkenswerte daran ist allerdings nicht, dass er alles selbst macht. Das gibt es im Progressive Rock schließlich häufiger als Mellotrons und Taktarten, bei denen Schlagzeuger vorsorglich Kopfschmerztabletten bereitlegen.
Bemerkenswert ist vielmehr, wie mühelos das alles klingt.
Nichts wirkt überladen. Nichts schreit nach Aufmerksamkeit. Stattdessen entwickelt das Album eine Ruhe, die heute fast schon ungewöhnlich erscheint. Perkins gibt seinen Kompositionen Raum zum Atmen, und genau dadurch entfalten sie ihre Wirkung.
Schon der Opener Rest at the Shoreline macht deutlich, wohin die Reise geht. Das Leben wird mit einem Fluss verglichen, der Kindheitserinnerungen langsam dem Meer entgegenträgt. Es folgt Banks of the Fleet, eine musikalische Erinnerung an den längst verschwundenen Londoner River Fleet, bevor der Titelsong von Verrat, Familie und dem Wiederfinden alter Wurzeln erzählt. Binbrook Skyline blickt liebevoll auf die Lincolnshire Wolds zurück, Angels in a Vacuum überrascht mit einer deutlichen Botschaft gegen Machtmissbrauch und Goddess Earth verabschiedet den Hörer schließlich mit einer ebenso warmen wie eindrucksvollen Hommage an unseren blauen Planeten.
Musikalisch bewegt sich Brendan Perkins dabei in einer Welt, in der sich Freunde des klassischen britischen Progressive Rock sofort zuhause fühlen dürften. Symphonische Arrangements treffen auf pastorale Klangfarben, akustische Instrumente und immer wieder auf diese typisch britische Melancholie, die nie ins Kitschige abrutscht.
Wer dabei gelegentlich an Genesis, Big Big Train oder Mike Oldfield denkt, liegt sicherlich nicht völlig falsch. Gleichzeitig besitzt Trading River Songs genügend Persönlichkeit, um niemals wie eine bloße Verbeugung vor den großen Namen des Genres zu wirken.
Vielleicht ist genau das die größte Stärke dieses Albums.
Es versucht nicht, das komplizierteste Progressive-Rock-Werk des Jahres zu sein. Es möchte niemanden mit technischen Höchstleistungen beeindrucken und verzichtet erfreulicherweise auf musikalische Muskelspiele. Stattdessen erzählt Brendan Perkins Geschichten. Ehrliche Geschichten. Und manchmal reicht genau das völlig aus.
Gerade in einer Zeit, in der vieles immer schneller, lauter und größer werden soll, wirkt Trading River Songs fast schon entschleunigend. Dieses Album nimmt sich Zeit. Und fordert den Hörer freundlich dazu auf, es ebenfalls zu tun.
Manchmal sind es eben nicht die reißenden Ströme, die am längsten in Erinnerung bleiben.
Manchmal genügt ein ruhiger Fluss.
Veröffentlichung
- Künstler: Brendan Perkins
- Album: Trading River Songs
- Label: Independent
- Release: 08. Mai 2026
- Genre: Symphonic / Pastoral Progressive Rock
- Spielzeit: 49:08
Trackliste
- Rest at the Shoreline (08:11)
- Banks of the Fleet (08:31)
- Trading River Songs (07:25)
- Binbrook Skyline (10:17)
- Angels in a Vacuum (08:05)
- Goddess Earth (06:37)
Links
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Text: André Fedorow
Founder & Editor-in-Chief – Sound of Prog Magazine & Radio