Wenn ein Planet die Umlaufbahn verlässt und dabei großartige Musik mitnimmt

Manchmal tauchen Alben auf, die nicht um Aufmerksamkeit bitten. Sie stehen einfach plötzlich im Raum, sehen einen an und sagen: „Komm mit. Das hier könnte interessant werden.“ Genau so verhält es sich mit Rogue Planet, dem neuen Werk der niederländischen Art- und Alternative-Progger von A Liquid Landscape.

Und ganz ehrlich: Nach beinahe zehn Jahren Funkstille hätte man es der Band durchaus verziehen, einfach still und leise in den Archiven des Prog zu verschwinden. Stattdessen melden sich die Niederländer zurück, als hätten sie die vergangenen Jahre heimlich Treibstoff gesammelt.

Die Geschichte von A Liquid Landscape beginnt bereits 1999, als die Brüder Niels van Dam (Lead-Gitarre) und Robert van Dam (Bass) gemeinsam mit Sänger und Gitarrist Fons Herder die ersten musikalischen Fundamente legten. Nach einigen personellen und namentlichen Zwischenstationen komplettierte Schlagzeuger Coen Speelman das Quartett, bevor man schließlich unter dem Namen A Liquid Landscape zu jener Band wurde, die sich mit ihren bisherigen Veröffentlichungen und Konzerten an der Seite von Anathema, Riverside, Soen, Karnivool, Thrice und Crippled Black Phoenix einen ausgezeichneten Ruf erspielte.

Dann kam das Leben dazwischen. Und später Covid. Beides sind bekanntlich Ereignisse, die kreative Prozesse ungefähr so effizient beschleunigen wie Gegenwind einen Segelflug.

Doch diese Pause war offenbar keine kreative Eiszeit. Im Gegenteil.

Rogue Planet klingt wie das Werk einer Band, die sehr genau wusste, warum sie zurückkommen möchte.

Schon die beiden Teile von „Few and Far Between“ ziehen den Hörer in ihre eigene Umlaufbahn. Der erste Abschnitt baut Spannung auf, wirkt unruhig, beinahe atmosphärisch geladen, als würde irgendwo hinter dem Horizont ein Gewitter entstehen. Teil zwei öffnet die Fenster, lässt Licht herein und zeigt die melodische, beinahe schwebende Seite der Band. Es ist diese Mischung aus Melancholie und Weite, die sofort an die großen emotionalen Momente von Anathema erinnert, ohne jemals wie eine Kopie zu wirken.

Mit „Intention“ wird es nachdenklicher. Die Musik gleitet förmlich dahin und entfaltet einen beinahe filmischen Charakter. Hier schimmert tatsächlich ein wenig Pink Floyd durch die Wolken, allerdings gefiltert durch eine moderne, alternative Klangsprache. Das Stück beschäftigt sich mit menschlichen Schwächen, mit Wiederholungen und mit unserer bemerkenswerten Fähigkeit, dieselben Fehler immer wieder in leicht neuen Verpackungen zu präsentieren. Die Menschheit kann vieles. Lernen gehört manchmal nicht dazu.

„Consequence“ zieht die Schrauben hörbar an. Kräftige Gitarren, markante Rhythmusarbeit und ein herrlich schräg-schönes Gitarrensolo sorgen dafür, dass die Spannung konstant hoch bleibt. Die Band beherrscht dabei das Kunststück, Härte und Eleganz gleichzeitig zu präsentieren. Nichts wirkt aufgesetzt, nichts bemüht. Es klingt vielmehr wie vier Musiker, die genau wissen, wann sie Druck machen und wann sie den Songs Raum zum Atmen geben müssen.

Ähnlich faszinierend entwickelt sich das zweiteilige „Raven Song“. Die Gitarren arbeiten sich kantig und eindringlich durch die Komposition, während Fons Herder mit seiner angenehm zurückhaltenden Stimme den emotionalen Mittelpunkt bildet. Im zweiten Teil öffnet sich das Stück zunehmend, wird dunkler, schwerer und beinahe cineastisch. Die Synthesizer setzen markante Akzente, das Schlagzeug entwickelt enorme Energie und die Musik erzeugt Bilder im Kopf, die irgendwo zwischen Science-Fiction, Endzeitstimmung und einer sehr, sehr schlechten Nachricht aus dem Kontrollzentrum eines Raumschiffs liegen.

Den Abschluss bildet das über neun Minuten lange „Virgo Calling“, und genau so beendet man ein Album, wenn man Eindruck hinterlassen möchte. Akustische Passagen treffen auf weit ausladende Melodien, die Atmosphäre wird immer dichter, die Gitarren entfalten sich zunehmend und die Gesangslinien entwickeln eine fast hypnotische Wirkung. Das Stück wächst mit jeder Minute und hinterlässt am Ende genau das, was gute Prog-Alben hinterlassen sollten: das Bedürfnis, sofort wieder von vorne zu beginnen.

Der Albumtitel Rogue Planet bezieht sich auf das astronomische Phänomen eines herrenlosen Planeten, der ohne feste Umlaufbahn durchs All treibt. Ein starkes Bild – und gleichzeitig eine passende Metapher für eine Welt, die zwar digital permanent verbunden ist, sich aber oft erstaunlich isoliert anfühlt.

Und vielleicht liegt genau darin die besondere Stärke dieses Albums.

Rogue Planet wirkt niemals verzweifelt oder zynisch. Es erkennt die Dunkelheit an, verweigert sich aber der Hoffnungslosigkeit. Stattdessen balanciert A Liquid Landscape gekonnt zwischen Nachdenklichkeit, Härte, Schönheit und vorsichtigem Optimismus.

Die Niederländer haben nach fast einem Jahrzehnt Pause kein gewöhnliches Comeback-Album aufgenommen. Sie haben ein Werk geschaffen, das emotional, atmosphärisch und musikalisch bemerkenswert geschlossen wirkt. Art Rock, Progressive Rock und Alternative Rock verschmelzen hier zu etwas Eigenständigem – zugänglich genug, um sofort zu faszinieren, und komplex genug, um lange zu beschäftigen.

Oder, um es ganz britisch zu formulieren:

Wenn ein einsamer Planet durchs Universum driftet und dabei zufällig so klingt, sollte man ihm vielleicht lieber folgen.


Album Details

Artist: A Liquid Landscape
Album: Rogue Planet
Label: Glassville Records
Release Date: 28. Mai 2026 (Digital) / 5. Juni 2026 (CD & Vinyl)
Genre: Progressive Rock / Art Rock / Alternative Rock
Land: Niederlande

Tracklist

  1. Few and Far Between Part 1 – 6:22
  2. Few and Far Between Part 2 – 6:46
  3. Intention – 5:59
  4. Consequence – 4:44
  5. Raven Song Part 1 – 3:16
  6. Raven Song Part 2 – 4:26
  7. Virgo Calling – 9:37

Gesamtspielzeit: 41:10 Minuten

Line-up

Fons Herder – Gesang, Gitarre
Niels van Dam – Lead-Gitarre
Robert van Dam – Bass
Coen Speelman – Schlagzeug

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Review by André Fedorow
Founder & Editor-in-Chief, Sound of Prog