NEWSAndré Fedorow

PreHistoric Animals – Die Chroniken von Liebe und Apokalypse

PreHistoric Animals
Credit Emelie Fladvad

Die PreHistoric Animals hatten schon immer alles, was man braucht, um bei Rockfans jeglicher Couleur Gehör zu finden: einen modernen, fetten Sound, progressive Arrangements und eine gute Portion Science-Fiction. Dabei haben die Schweden eine bemerkenswerte Entwicklung hinter sich.

Wenn man sich ihre Entwicklung genauer anschaut, beziehungsweise anhört, hat sich seit ihrem Debüt von 2018 einiges getan. Und schon da, von Anfang an, spürte man, dass sie anders waren. Noch nicht fassbar, nur spürbar. Oder besser gesagt: hörbar. Es war wie eine Saat. Und daraus wird bekanntlich oft etwas Großes, wenn man sie entsprechend pflegt.

01 / Die Vorgeschichte

Von der kleinen Saat zur eigenen musikalischen Galaxie

Und genau das haben sie getan. Nach ihrem gelungenen Debüt „Consider It a Work of Art“ (2018) folgten zwei konzeptionell zusammengehörende Alben: „The Magical Mystery Machine (Chapter One)“ (2020) und „The Magical Mystery Machine (Chapter Two)“ (2022). Schon auf diesen Werken zeigten sich herausragende Performances und Kompositionen. Für mich persönlich gehören „What a Lucky Day!“, „Floodgate“ oder „It’s a Start, Not the End“ zu den Highlights. Das sind natürlich nur meine persönlichen Favoriten. Beide Alben sind sowieso der Hammer, aber ich kann an dieser Stelle nicht weiter darauf eingehen. Das würde den Rahmen dieses Artikels sprengen. Hört doch einfach selbst mal rein!

Tja, und was sollte nach diesen beiden wegweisenden Alben noch kommen? Konnte sich die Band überhaupt noch steigern? Nach dem coolen Live-Album „Livefires“ (2023) erschien 2024 das nächste Studiowerk „Finding Love in Strange Places“. Damit bewiesen die Schweden einmal mehr, wie viel Potenzial in ihnen steckt. Ihren Hang zu poppigen Hooklines, insbesondere beim Gesang, konnte man ihnen nun wirklich nicht absprechen. Und sogar Mut zu abstrakten Anleihen bewiesen sie, beispielsweise bei „The Secret Society of Goodness“, wo Refrain und Groove stellenweise beinahe Free-Jazz-artig im Prog-Gewand daherkommen.

Da wir gerade dabei sind: Spätestens seit „Finding Love in Strange Places“ steht für mich fest, dass die Band ihre Fähigkeiten so weit ausgebaut hat, dass sie mit den großen Namen der Szene mithalten kann. Handwerklich sowieso, aber eben auch in Sachen Songwriting.

02 / Das neue Kapitel

Liebe und andere Katastrophen im Kontrollstaat

PreHistoric Animals – Magic Love Destruction (Albumcover)
Artwork und Layout: Mattias Norén

Umso erfreulicher ist es, dass am 29. Oktober 2026 mit „Magic Love Destruction“ das fünfte Studioalbum erscheint. Und ich hatte die Ehre, schon vorab hineinhören zu dürfen. Konzeptionell knüpft es an die dystopische Science-Fiction-Welt des Vorgängers „Finding Love in Strange Places“ an, den die Band als eine futuristische Version von „Tatsächlich… Liebe“ („Love Actually“) beschrieben hat. Also wieder etwas mit Konzept: Verschiedene Geschichten erzählen von Menschen, die in einer kalten, von Konzernen beherrschten Gesellschaft nach Nähe und Verbundenheit suchen. Das erinnert mich ein bisschen an „He Is Number 4“ und das dazugehörige Video vom Vorgängeralbum. Ja, ein roter Faden zieht sich durch viele ihrer Werke.

03 / Track by Track

Neun Songs zwischen Gefühl und Weltuntergang

01 /Mit „Do I Really Know You?“ machen PreHistoric Animals gleich zu Beginn deutlich, dass sie nicht vorhaben, lange um den heißen Brei herumzuspielen. Druckvolle Gitarren, treibende Rhythmen und eine gehörige Portion Alternative Rock bestimmen den Einstieg. Das hat ordentlich Schub, bleibt aber wunderbar melodisch. Typisch PreHistoric Animals eben: Erst bekommt man ein sattes Gitarrenriff um die Ohren, und kaum hat man sich davon erholt, hat sich schon eine dieser unverschämt eingängigen Gesangsmelodien im Kopf festgesetzt. Inhaltlich geht es übrigens um eine Science-Fiction-Version von Frankensteins Monster, das seinem Schöpfer gegenübertritt. Ein durchaus spannender Gedanke, verpackt in einen richtig starken Opener.

02 /„Sleeping in the Fire“ wird anschließend atmosphärischer. Elektronische Arpeggios, rhythmische Spielereien und schwere Gitarren sorgen für einen reizvollen Kontrast zum ausgesprochen melodischen Refrain. Besonders gefällt mir, wie selbstverständlich die Band zwischen komplexen Strukturen und beinahe poppiger Eingängigkeit wechselt. Andere Bands benötigen dafür gelegentlich ein ganzes Doppelalbum. PreHistoric Animals erledigen das einfach innerhalb eines Songs. Dahinter verbirgt sich eine melancholische Geschichte über Abschied, Liebe und den Kampf für Gerechtigkeit.

03 /Mit „The Wedding Singer“ wird es dann herrlich skurril. Beatles-artige Gesangsharmonien, warme Slide-Gitarren und ein beinahe nostalgischer Charme treffen auf rhythmische Überraschungen und ein mächtiges Gitarrenriff. Dazu erzählt der Song die Geschichte eines Hochzeitssängers, der immer tiefer in die Gedanken seiner Gäste eindringt, bis er schließlich selbst den Verstand verliert. Man bestellt musikalische Unterhaltung für den schönsten Tag seines Lebens und bekommt eine psychologische Katastrophe mit Gitarrenbegleitung serviert. Very British! Musikalisch jedenfalls eine ausgesprochen gelungene Mischung aus Art-Rock, Alternative Rock und melodischem Pop.

04 /Mit „The Order of the Universe (and Everywhere Else Too)“ öffnen sich anschließend die musikalischen Räume. Ausladende Synthesizer-Landschaften, treibende Basslinien und kraftvolle Gitarren verleihen dem Stück eine beinahe cineastische Dimension. Hier darf die Musik atmen und auch einmal größer denken. Thematisch dreht sich alles darum, Liebe zu finden, während um einen herum die Welt auseinanderfällt. Ein schöner, wenn auch ziemlich düsterer Gedanke, den die Band musikalisch überzeugend einfängt.

05 /Deutlich direkter wird es mit „Stupidity for Beginners“. Schon der Titel ist großartig. Dummheit für Anfänger. Wobei man angesichts der weltpolitischen Entwicklungen durchaus vermuten könnte, dass einige Zeitgenossen den Fortgeschrittenenkurs längst mit Auszeichnung abgeschlossen haben. Musikalisch gibt es einen flotten, beinahe punkigen Alternative-Rock-Groove mit bissigen Gitarren und jeder Menge Energie. Hinter dem zunächst humorvoll wirkenden Titel steckt allerdings ein ernst gemeinter Protestsong gegen Krieg, Faschismus und Rassismus. Hier zeigen die Schweden, dass Progressive Rock auch ohne komplizierte Umwege eine klare Botschaft vermitteln kann.

06 /„It’s Not a Good Day to Die“ führt uns anschließend wieder in progressivere Gefilde. Atmosphärische Gitarren, melancholische Gesangspassagen und schwere, rhythmisch verschachtelte Riffs wechseln sich ab und entwickeln einen wunderbaren Spannungsbogen. Gerade diese Dynamik macht den Song interessant. Die Band versteht es, musikalische Spannung aufzubauen, ohne ständig sämtliche verfügbaren Instrumente gleichzeitig zum Einsatz bringen zu müssen. Nicht jeder Höhepunkt benötigt schließlich ein Gitarrensolo, das sämtliche noch lebenden Mitglieder von Yes nervös macht.

Das große Finale · die dreiteilige Suite

Und schließlich wartet mit „Finding Love in Dark Places“ das große Finale: eine rund 16-minütige Suite, verteilt auf drei Stücke.

07 /„In Orbit“ eröffnet mit atmosphärischen Space-Prog-Klängen und einer beinahe schwerelosen Stimmung. Besonders die Stimme von Gastsängerin Anna Ihlis verleiht dem Stück eine zusätzliche emotionale Tiefe. Hier zeigt sich einmal mehr, dass hinter all den dystopischen Zukunftsvisionen letztlich sehr menschliche Geschichten stecken.

08 /Mit „The Queen of the Underworld“ gewinnt die Musik zunehmend an dramatischer Intensität. Symphonische Elemente, schwere Gitarren und wiederkehrende melodische Motive verdichten sich zu einem großen musikalischen Spannungsbogen. Interessanterweise war die gesamte Suite ursprünglich rund 22 Minuten lang, bevor die Band sie auf etwa 16 Minuten verdichtete. Offenbar hat hier tatsächlich jemand den Mut gehabt, auch einmal etwas wegzulassen. Im Progressive Rock durchaus eine bemerkenswerte Tugend.

09 /Im abschließenden „Magic Love Destruction“ laufen schließlich alle musikalischen und erzählerischen Fäden zusammen. Große Melodien, symphonische Wucht und kraftvolle Gitarren münden in ein monumentales Finale, das zugleich Verbindungen zu früheren Konzeptalben der Band herstellt.

04 / Fazit

Große Melodien. Keine Prog-Polizei.

Was mir an PreHistoric Animals besonders gefällt, ist ihre Fähigkeit, komplexe Arrangements mit einer geradezu unverschämten Melodieverliebtheit zu verbinden. Hier treffen Heavy Prog, Alternative Rock, elektronische Klangwelten und gelegentlich fast schon klassischer Pop aufeinander, ohne dass sich die einzelnen Zutaten gegenseitig im Weg stehen.

Ihr neues Werk „Magic Love Destruction“ bewegt sich gekonnt zwischen den verschiedenen Facetten des modernen Progressive Rock. Die atmosphärische Tiefe von Porcupine Tree, The Pineapple Thief und Anathema trifft auf die kompositorische Raffinesse von Haken und Rush. Gelegentlich blitzen die kraftvollen Gitarren von King's X oder die hymnische Melodieverliebtheit von Muse auf. Doch bei aller stilistischen Nähe zu diesen Größen verstehen es PreHistoric Animals, ihre Einflüsse nicht einfach zu kopieren, sondern daraus eine ganz eigene musikalische Identität zu formen. Und genau das macht diese Band für mich so interessant.

Und mal ehrlich: Ein guter Refrain ist schließlich noch lange kein Verbrechen gegen den Progressive Rock. Man muss ihn ja nicht gleich der Prog-Polizei melden.

Trackliste

  1. Do I Really Know You? (04:21)
  2. Sleeping in the Fire (04:26)
  3. The Wedding Singer (06:21)
  4. The Order of the Universe (and Everywhere Else Too) (05:04)
  5. Stupidity for Beginners (04:30)
  6. It's Not a Good Day to Die (06:28)
  7. Finding Love in Dark Places (Suite, 16:24)
    1. In Orbit (04:18)
    2. The Queen of the Underworld (06:22)
    3. Magic Love Destruction (05:43)

Albumdaten

Künstler: PreHistoric Animals
Album: Magic Love Destruction
Veröffentlichung: 29. Oktober 2026
Genre: Modern Progressive Rock / Alternative Rock / Heavy Prog
Label: PreHistoric Music Sweden
Herkunft: Schweden
Formate: CD / Vinyl / Digital / Streaming
Gesamtlaufzeit: 47:37 Minuten (laut Presseinformation)
Studioalbum: Nr. 5

Besetzung und Produktion

Stefan Altzar – Leadgesang, Gitarren, zusätzliche Keyboards
Daniel Magdic – Gitarren, Gesang, zusätzliche Keyboards
Noah Magnusson – Bass, Gesang
Mats Nilsson – Keyboards, Gesang
Samuel Granath – Schlagzeug, zusätzliche Keyboards

Gastmusikerin:
Anna Ihlis – Backgroundgesang auf „Finding Love in Dark Places – I. In Orbit“

Songwriting und Produktion: Stefan Altzar, Samuel Granath und Daniel Magdic
Mix und Mastering: Stefan Altzar
Artwork und Layout: Mattias Norén
Artwork-Website: www.progart.com

Anspieltipps

  • Do I Really Know You?
  • The Wedding Singer
  • It's Not a Good Day to Die
  • Finding Love in Dark Places (komplette Suite)

Links

Text: André Fedorow
Founder & Editor-in-Chief – Sound of Prog Magazine & Radio